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Die Offenheit und Herzlichkeit der Adivasi hat mich sehr berührt


Mit Saskia Thiel, Praktikantin bei AWO International, sprach sie über ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen.

Frau Gehrke, Sie sind gerade von einer 2 1/2-wöchigen Dienstreise nach Indien zurückgekehrt – wo genau waren Sie unterwegs?

Dieses Mal war ich in Südindien und in Maharashtra unterwegs. Ich habe zunächst zwei Projektpartner in Tamil Nadu besucht und bin anschließend von Chennai nach Pune geflogen. Da Chennai im Süden Indiens und Pune in der Nähe von Bombay liegt, ist dies eine Strecke, für die man mit dem Zug zwei Tage brauchen würde.

Sicherlich werden Sie oft gefragt, was Sie dort eigentlich machen. Lässt sich das überhaupt in einigen Sätzen zusammenfassen?

Es ist wirklich schwierig, die Arbeit in einigen Sätzen darzustellen. Im Großen und Ganzen geht es während dieser Besuchsreisen um einen intensiven Austausch mit unseren Partnern vor Ort. Ich informiere mich über den Stand der Projekte, entwickele gemeinsam mit den Partnern neue Ideen und versuche, Lösungen für Probleme zu finden. Wie in jeder Partnerschaft ist es auch hier wichtig, ab und zu zusammen an einem Tisch zu sitzen und alles Anstehende gemeinsam zu besprechen.

Welche Projekte haben Sie besucht und was wird dort jeweils getan?

Zunächst habe ich ein Projekt besucht, das wir gemeinsam mit unserem Partner CTRD („Centre for Tribal and Rural Development“) durchführen und das schwerpunktmäßig mit den Adivasi, den Ureinwohnern Indiens, zusammenarbeitet.

Der zweite Partner, den ich besuchte, LHC („Life Help Centre for the Handicapped“), arbeitet in erster Linie mit geistig und körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen. AWO International führt mit dem LHC mehrere Projekte durch. Das Projekt, das ich besucht habe, richtet sich hauptsächlich an die arme Bevölkerung in den Küstendörfern. Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Verbesserung der Gesundheitsversorgung und der sanitären Situation. Gerade in den ärmeren Gegenden gibt es keine Abwasserversorgung und Krankheitserreger gefährden die dort lebende Bevölkerung.

AWO International setzt sich seit einigen Jahren besonders für die Verbesserung der Lebenssituation der Adivasi ein. Warum ist gerade diese Arbeit so wichtig?

AWO International möchte in Indien einen Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten – dabei stoßen wir sehr häufig auf Adivasi-Themen. Die Adivasi gehören zu den Verlierern des wirtschaftlichen Wachstums in Indien und befinden sich in einer sehr prekären Lebenssituation. Durch den Wachstum der Ökonomie, z.B. Staudammprojekte, werden sie, da sie keine Landtitel halten, ihrer natürlichen Ressourcen beraubt, was ihre schlechte Situation noch verschärft.

Sie haben sich gerade vor Ort ein Bild gemacht, wie würden Sie die Lebenssituation der Adivasi beschreiben?

Ich würde ihre Lebenssituation als „am seidenen Faden hängend“ beschreiben. Ihr Leben ist gefährdet – durch Hunger, Krankheiten oder wilde Tiere. Ihre Situation ist wirklich lebensbedrohlich, sie sind sehr verletzlich und werden durch Schocks stark getroffen. Sie fallen in kein soziales Netz und sterben oft an Hunger und Krankheit. Gleichzeitig verschwindet ihre kulturelle Identität, weil ihr Dasein in Indien eine Art Stigma bedeutet und sie gesellschaftlich nicht anerkannt werden. Man zeigt mit dem Finger auf sie, ihre Kinder werden in der Schule ausgelacht, so dass sie kein Selbstbewusstsein und keinen Stolz auf ihre Kultur entwickeln, die in Indiens Gesellschaft als rückständig, unterentwickelt und sogar verflucht gilt. Viele Adivasi haben diese äußere Sicht angenommen und pflegen und bewahren ihre kulturelle Tradition nicht.

Was sind die Probleme, die in Zukunft bleiben?

Ein Problem, welches langfristige Lösungsansätze fordert, ist die Armut. Ein weiteres großes Problem ist die Sichelzellenanämie, eine genetisch vererbte Krankheit. Sie ist in Indien nur unter der Urbevölkerung verbreitet und kann nicht behandelt, sondern nur verzögert beziehungsweise durch Aufklärung vermieden werden.

Wichtig wird auch zukünftig sein, dass wir versuchen, eine Lobby für die Adivasi zu schaffen und ihre Probleme in die Mitte der Gesellschaft tragen - und dies ist gerade in Indien besonders schwer. Wir wollen ein Interesse und ein Bewusstsein schaffen - und die Thematik weiterhin in Regierungsprogrammen verankert sehen.

Was Sind die Hauptziele?

Unser Hauptziel ist, diese Verwundbarkeit und Verletzlichkeit der Adivasi zu reduzieren, indem wir sie dabei unterstützen, ein ökonomisches, ökologisches und soziales „Polster“ aufzubauen, das sie vor Hunger, Armut und Krankheit schützt.

AWO International bietet ja auch ein Praktikantenprogramm in Indien an. Konnten Sie einige der Praktikanten treffen?

Ja, die Praktikanten haben die Möglichkeit, im Rahmen unseres Praktikantenprogramms zwei bis drei Monate im Life Help Centre zu arbeiten und ich konnte während meines Besuchs zwei der Praktikanten treffen.

...und was haben sie berichtet?

Sie schienen sehr zufrieden mit ihrer Arbeit zu sein und waren begeistert von Indien mit all seinen Widersprüchen. Wenn man sich Zeit lässt, kann man sich in Indien sehr wohl fühlen – diesen Eindruck hatte ich auch von den Praktikanten.

Wenn man von Ihren Reisen hört, könnte man ja manchmal richtig neidisch werden und vergessen, dass es sich dabei nicht um Urlaub, sondern oft um harte Arbeit handelt. Was sind die größten Schwierigkeiten, die Ihnen auf Ihren Reisen begegnen?

Abgesehen von der Herausforderung, sich ständig auf fremde Menschen und neue Situationen einzulassen, ist die größte Schwierigkeit, dass man arbeitstechnisch bis an seine Grenzen geht, da man selbst und der Partner jede Minute nutzen will. Die Zeit ist sehr ausgefüllt, sehr intensiv und zehrt an den Kräften. 24 Stunden am Tag reichen in Indien nicht. Dazu kommt ein oft sehr heißes Klima. In Indien erlebte ich 42°C im Schatten – nur leider nicht am Strand, sondern im Büro.

Auch das viele Reisen vor Ort ist sehr anstrengend. Da Indien ein wahnsinnig großes Land ist, dauert die Fahrt zu einem Projekt schon mal 8-9 Stunden.

Warum sind die Dienstreisen der Referenten so wichtig?

Da wir mit Partnern und in Partnerschaften arbeiten, ist es sehr wichtig, dass die Partner sich kennen, sich vertrauen und sich aufeinander verlassen können. Es ist wichtig zu wissen, was der andere tut, daher lässt sich viel nur über den persönlichen Kontakt regeln. Da ich Referentin für Indien und Nepal bin, möchte ich durch meine Reisen auch ein persönliches Verständnis entwickeln, selbst sehen, was die Probleme und die Herangehensweisen vor Ort sind. Diese Informationen nehme ich mit nach Deutschland und nutze Sie für meine Arbeit.

Was war Ihr schönstes Erlebnis?

Ich persönlich war von den Adivasi fasziniert und ihre Offenheit und Herzlichkeit hat mich sehr berührt. Die vielen Stunden vor dem Computer lassen mich manchmal vergessen, dass ich eigentlich mit Menschen arbeite. Diese tollen Menschen voller Weisheit zu treffen, das war eine schöne und beeindruckende Erfahrung.

Vielen Dank für das Gespräch!